Tatort Europa

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Gespeichert von Robin Teller am 4. März 2015
Europa Fahne

Tatort Europa

Was die Krimiserie mit der Europawahl gemein hat – und was wir daraus lernen können

Der Text wurde im Rahmen des Essay-Wettbewerbs „Ausgezeichnete Jungwähler“ des Jean Monnet Lehrstuhls der Universität Köln sowie der Europa-Union Kreisverband Köln von Florian Müller erstellt. Im Rahmen der Europawoche 2014 vom NRW Ministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien hat das Projekt erfolgreich dazu beitragen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger aktiv mit Europa und der Europäischen Union auseinandergesetzt und den europäischen Gedanken positiv in ihrem Bewusstsein verankert haben.

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Kommissar Ballauf reißt den Kopf hoch. Zwei Scheinwerfer rasen auf ihn zu, er hört Bremsen quietschen – dann wird alles schwarz…

„Kann man dich nicht mal einen Abend alleine lassen?“

fragt sein Kollege Schenk, als Ballauf wieder zu sich kommt. Der blickt sich benommen um. Aber der Täter, der ihn auf die Gleise gestoßen hat, ist weg. Ein neuer Fall für das Ermittler-Duo aus Köln beginnt.

Fast jeden Sonntagabend pünktlich um 20.15 Uhr gehen in Deutschland die Fernseher an. Gebannt wartet eine große Fangemeinde auf die dramatische Titelmelodie der beliebtesten Fernsehserie des Landes: Dem Tatort. Nicht so am 25. Mai. Denn an diesem Sonntag suchen die Deutschen nicht nach dem Mörder, sondern die EU sucht ihr Spitzenpersonal für die kommenden Jahre. Deshalb fällt der Tatort an diesem Abend leider flach. Enttäuschte Krimi-Fans müssen aber nicht traurig sein: Die Europawahl hat mehr mit einem Tatort gemeinsam, als viele denken.
 
Das fängt schon bei der Leiche an. Grundsätzlich gilt ja für Krimis: Je mehr Tote, desto besser. Das nehmen sich auch viele Politiker zum Vorbild. Und deshalb sorgen sie für einen schier unerschöpflichen Leichen-Vorrat in ihren Kellern. Das führt zwangsläufig dazu, dass die Wähler sie immer des Schlimmsten verdächtigen. Jeder hat etwas zu verbergen – eine Lektion, die auch das Tatort-Publikum schon lange verinnerlicht hat. Ein weiteres Vorurteil ist die Beschwerde, die EU-Parlamentspräsident Martin Schulz einmal so treffend zusammengefasst hat: „Egal was passiert, Brüssel ist schuld!“ Das passt zu der Weisheit aus einem bekannten Schlager von Reinhard Mey. Dort heißt es „Der Mörder ist immer der Gärtner“. Ob das so stimmt, darüber streiten sich Tatort-Fans seit Generationen.
 
Doch Vorurteile beiseite, vergleicht man die Konzeption des EU-Parlaments mit dem Tatort, dann gibt es tatsächlich eine gewisse Schnittmenge. So vertreten die Abgeordneten nicht nur eine bestimmte Partei, sondern haben häufig auch eine bestimmte Region, quasi einen „Stimmkreis“, um dessen Belange sie sich im Besonderen kümmern. Gleiches gilt auch für die verschiedenen Ausgaben des Tatorts, die in unterschiedlichen Städten Deutschlands spielen. Die Kommissare nehmen dabei stellvertretend die Rolle eines Botschafters ihrer Stadt ein. Sie sind Identifikationsfiguren, wie Ballauf und Schenk für Köln. Das ist etwas, was unsere Vertreter im Europäischen Parlament bisher nur vereinzelt geschafft haben. Vielen Wählern sagen die Namen der Kandidaten auf dem Stimmzettel wenig bis gar nichts. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich nur wenige Wähler mit den Abgeordneten identifizieren können. Doch selbst wenn die Bürger einen Lieblingskandidaten haben, hilft ihnen das nur bedingt, weil sie ihn nicht direkt wählen können. Es gibt nur das eine Kreuz für die Partei. Das macht die Wahl noch unpersönlicher und damit weniger spannend.
 
Die europäischen Parteienfamilien versuchen das zu ändern, indem sie erstmals Spitzenkandidaten für ganz Europa nominiert haben. Dabei haben sie aber offenbar versäumt, das auch ihren nationalen Mitgliedsparteien mitzuteilen – weshalb zum Beispiel die CDU nur mit Plakaten von Angela Merkel auf Stimmenfang geht. Als ob die Bundeskanzlerin am 25. Mai überhaupt zur Wahl stünde. Es ist ein falsches Signal, das die Bedeutung des EU-Parlaments unterminiert. Es ist so, als würden die Kommissare Ballauf und Schenk zu ihren Tatort-Kollegen nach Münster, Hamburg oder Berlin fahren und sagen:

„Danke, jetzt übernehmen wir!“

 
Es gibt noch einen weiteren Punkt, der sowohl im Tatort als auch bei der Europawahl ständig für Irritationen sorgt: Das Gerangel um Führungspositionen und Kompetenzen. Zwischen Ballauf und Schenk ging es beispielsweise anfangs darum, wer der bessere Mann für die Stelle des Leiters der Kölner Mordkommission ist. Bei den europäischen Spitzenkandidaten Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Co. geht es darum, wer im Anschluss an die Europawahl zum Präsidenten der EU-Kommission gewählt werden soll. Die Staats- und Regierungschefs haben dafür das Vorschlagsrecht – und sie sind vertraglich nicht an das Ergebnis der Europawahl gebunden. Was passiert nun, wenn sie sich jemand komplett anderen als Präsidenten aussuchen, der sich nicht zumindest indirekt auf den Willen der Wähler berufen kann? Das wäre ein weiterer Anschlag auf die Bedeutung der Europawahl. Und die allgemein geringe Motivation zum Wählen kann man damit bestimmt nicht verbessern.

Die bewegt sich in Deutschland sowieso weit unter Tatort-Niveau. Denn während die ARD die durchschnittliche Zuschauerquote der Krimiserie seit Jahren kontinuierlich steigern konnte (auch und vor allem in der Altersgruppe der Jungwähler), hat die Wahlbeteiligung bei der Europawahl kontinuierlich abgenommen. Woran kann das liegen?
 
Ein Grund ist sicher die schon angesprochene „Publikumsferne“ der Europa-Abgeordneten. Während die Fernseh-Kommissare weithin bekannt sind, zeigt sich das Europäische Parlament weitestgehend gesichtslos. Auch der überwiegende Konsens zwischen den großen Parteien in der Europapolitik trägt nicht wirklich dazu bei, Spannung zu erzeugen. Alle sprechen ständig von „Chancen für Europa“, keiner kümmert sich um Inhalte. Ganz anders im Tatort: Dort geht es um gesellschaftspolitische Themen wie Zuwanderung oder den schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht. Die Kontrahenten kriegen sich regelmäßig in die Haare, mitunter werden auch schon mal Kugeln ausgetauscht. Das heißt jetzt nicht, dass im Wahlkampf in Zukunft scharf geschossen werden soll. Aber es gibt so viele Themen auf europäischer Ebene, über die es sich zu streiten lohnt: Freihandelsabkommen, Bankenkontrolle, Jugendarbeitslosigkeit, Datenschutz, Gemeinsame Außenpolitik, um nur einige zu nennen. Sicher, das sind alles Themen, die auf den ersten Blick sehr abstrakt wirken. Es ist die Aufgabe der Medien, die Relevanz für den Einzelnen hervorzuheben. Denn der Einfluss des Europäischen Parlaments auf das Leben seiner Bürger nimmt zu. Umgekehrt gilt das im Moment leider nicht.
 
Dabei hätte die Europawahl durchaus das Potenzial für einen spannenden Sonntagabend: Wer holt die meisten Stimmen? Wird es im Parlament der 28 Nationen eine tragfähige Mehrheit geben oder nehmen die kleinen Parteien überhand? Wie stark werden die Nationalisten? Und wer wird in Zukunft die Kommission leiten? Im Gegensatz zum Tatort bestimmen bei der Europawahl nicht nur ein paar Drehbuchautoren den Ausgang. Wir alle können ihn beeinflussen. Und unsere Mitwirkung muss sich nicht bloß auf das eine Kreuz auf dem Wahlzettel beschränken.
 
Der Ausgang des letzten Tatorts aus München hat vielen Zuschauern nicht gefallen. Sie haben lautstark protestiert. Und der Bayerische Rundfunk hat sich dem Druck gebeugt und ein neues Ende gedreht. Das ist ein Beispiel, das Mut macht. Unsere Stimme zählt – bei der Wahl, aber auch danach.

Ein Text von Florian Müller

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