Rede zum 60. Jahreskongress der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa

Bild des Benutzers Robin Teller
Gespeichert von Robin Teller am 24. September 2015
Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren
20. September 2015

Rede zum 60. Jahreskongress der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa

Halle am Wasserturm in Düsseldorf

Rede der Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Angelica Schwall-Düren, bei der feierlichen Schlussveranstaltung zum 60. Jahreskongress der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V. (VDFG) und Frz. Partnervereinigung FAFA am 20. September 2015 in Düsseldorf.

1 Bewertung
 

- Es gilt das gesprochene Wort -
 
Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, im Rahmen der festlichen Schlussveranstaltung Ihres Kongresses als Europaministerin des Landes Nordrhein-Westfalen zu Ihnen sprechen zu können. Ich möchte Ihnen auch die herzlichen Grüße von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ausrichten.  
Nun haben Sie sich drei Tage lang mit Sprache, Kommunikation und Dialog beschäftigt und das in – mindestens! – zwei Sprachen. Ich bin mir sicher, dass Sie viele Erkenntnisse über die gemeinsame Verständigung gewonnen haben.
 
„Qui sait de nombreuses langues dispose de nombreuses clés pour une serrure”(Wer viele Sprachen kann - hat viele Schlüssel für ein Schloss”) – so Voltaire schon vor mehr als 250 Jahren.
 
Kenntnis der Sprache erweitert den Horizont, und Wissen über Kulturen, Strukturen, Traditionen, Denkweisen schafft Verständnis, Nähe, ja Liebe.
 
Ich bin dankbar, dass ich selbst die Chance hatte, ab meinem 10. Lebensjahr Französisch zu lernen. Die Sprache hat mir einen Reichtum an Begegnungen und Freundschaften geschenkt.

I.

„Ohne Sprache – kein Gespräch“

dieses Motto Ihres Jubiläumskongresses ist aber noch auf eine ganz andere Weise hochaktuell: Die aktuellen Ereignisse in Europa, sei es die Krise in Griechenland, die uns alle im ersten Halbjahr
dieses Jahres in Atem gehalten hat, oder die Herausforderungen an die europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik mit all ihren dramatischen Facetten und die Bilder, die uns in den letzten Wochen bewegt haben, scheinen zu zeigen, dass die Europäer nicht immer eine gemeinsame Sprache sprechen.
 
Unter dem Druck der enormen Herausforderungen, vor denen die Mitgliedsstaaten, aber auch die Europäische Union als Ganzes stehen, sieht es so aus, als könnten nationale Egoismen und ihre politischen Vertreter wieder die Oberhand gewinnen.
 
Dabei scheint fast in Vergessenheit zu geraten, dass die Geschichte der Europäischen Union eine beispielslose Erfolgsgeschichte ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Projekt zur Schaffung eines vereinten Kontinents gestartet, um dauerhaft Frieden zwischen seinen Völkern zu schaffen, stand die Europäische Union über Jahrzehnte hinweg als Garant für Völkerverständigung; Gerechtigkeit und Wohlstand.
 
Und trotzdem bin ich beunruhigt: Die Europäische Union und ihre Mitglieder werden in nächster Zeit eine Reihe von bedeutenden Entscheidungen anzugehen haben, während sie zugleich durch aktuelle Ereignisse extrem gefordert sind.
 
Es sind nicht nur die außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen, vor denen die EU steht, sondern es geht auch um die Frage der inneren Weiterentwicklung der Union hinsichtlich

  • einer Energie- und Klimapolitik, die uns unseren Wohlstand und gleichzeitig unseren Kindern und Enkelkindern die Lebensgrundlagen erhält;
  • es geht um die Überwindung der Wirtschafts- und Finanzkrise und der damit verbundenen Sprengkraft für die Eurozone und die gesamte Europäische Union, wie sie am Szenario eines möglichen Austritts Großbritanniens als „Brexit“ sichtbar wird;
  • es geht um zunehmende Einkommens- und Vermögensunterschiede und hohe Arbeitslosigkeit, vor allem die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohende, unakzeptabel hohe Jugendarbeitslosigkeit;
  • sowie nun Millionen Flüchtlinge aus den Krisengebieten in der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft.

Hier muss Europa Antworten und Lösungen finden, um selbst zukunftsfähig zu werden, aber auch um seiner Verantwortung in der Welt gerecht zu werden, sei es als Vorreiter für Klimaschutz oder soziale Gerechtigkeit oder als konstruktiver Akteur bei der Bewältigung von geopolitischen Krisen.
 
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union müssen zu einer gemeinsamen Sprache zurückfinden, sie müssen das Gespräch suchen, einander besser verstehen lernen und sich immer wieder auf die Stärke Europas besinnen: seine unteilbaren Werte und den absoluten Willen zur Verständigung.
 

II.

Gleich werden Sie hier den Jugendtheaterpreis der VDFG 2015 verleihen: das Thema „Frieden“ ist dabei ein wichtiges Auszeichnungskriterium gewesen. Im letzten Jahr haben wir an den Ausbruch des I. Weltkrieges vor 100 Jahren erinnert, in diesem Jahr an das Ende des II. vor 70 Jahren – diese Kriege schienen so lange her, der Frieden und die Freiheit in Europa schienen so selbstverständlich gelebte Werte zu sein.
 
Doch heute sehen wir, dass Frieden und Freiheit alles andere als Selbstverständlichkeiten sind: Beunruhigende Entwicklungen überall auf der Welt, Krieg und Vertreibung auch in Europa und seiner unmittelbaren Nachbarschaft füllen die Nachrichten und die EU-Gipfel.
 
Europas Bürgerinnen und Bürger hatten aus ihrer grauenvollen Geschichte gelernt: Glücklicherweise gelang ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg endlich das, woran ihre Eltern nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert waren: in Europa neue Mechanismen der Politik zu entwickeln. Damit wurde nicht nur ein neues Kapitel in der Geschichte Europas, sondern auch in der Geschichte der internationalen Beziehungen überhaupt aufgeschlagen.
 
Und die Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen stand dabei im Mittelpunkt.
 
Wir Europäerinnen und Europäer haben in den vergangen siebzig Jahren unglaublich viel erreicht, auch und gerade dank der deutsch-französischen Aussöhnung und Freundschaft. Zu diesen Errungenschaften, von denen wir alle täglich profitieren, gehört auch ein Menschenbild, das es uns zur Pflicht macht, die Würde jedes Einzelnen hochzuhalten und Bedrängten beizustehen.
 
Heute müssen sich Deutsche und Franzosen nicht mehr aussöhnen. Heute müssen sie am gemeinsamen Europa bauen, denn für dessen Erhalt und Ausbau tragen sie gemeinsam Verantwortung.
 
Die enge Abstimmung der Regierungen in den wesentlichen Fragen und Themen, das ist inzwischen zum Glück Selbstverständlichkeit, wenn auch nach wie vor nicht immer einfach. Wir haben es gesehen
 

  • bei den Verhandlungen zu Griechenland;
  • bei dem Deutsch-französischen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Währungsunion vom Juni 2015, mit dem die Schritte skizziert werden, um Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung in der Eurozone zu stärken, Ungleichheiten abzubauen, gleichzeitig solide öffentliche Finanzen zu gewährleisten und die Konvergenz der Volkswirtschaften zu fördern;
  • bei der gemeinsamen Initiative zur Flüchtlingspolitik von Ende August, einem deutlichen Aufruf von Frankreich und Deutschland für europäische Einigkeit, um eine gemeinsame europäische Agenda für Migration voranzubringen und eine gerechtere Lastenteilung in Europa zu erwirken.

 
Da läuft er also wieder: der deutsch-französische Motor. Präsident Hollande hat ihn im März diesen Jahres so beschrieben

"In allen Bereichen ... ist unser Ziel, Entscheidungen zu treffen, voranzukommen, Fortschritte zu machen und uns nicht irgendwo hintreiben zu lassen, wo wir gar nicht hinwollen - also Stagnation, Krise oder Krieg."

(Quelle: N24 06.03.2015)
 

III.

 
Aber zum Glück ist der deutsch-französische Motor nicht auf die Begegnungen großer Politikerinnen und Politiker und deren gemeinsame Initiativen beschränkt.
 
Nein, es sind die Netzwerke der Zivilgesellschaft, Deutsch-Französische Gesellschaften und Freundschaftsgruppen, ein gemeinsames, äußerst aktives Jugendwerk, Austauschprogramme von Schulen und Vereinen, Verbindungen und Kooperationen von Gemeinden, Städten und Regionen, dazu viele hunderttausend persönliche Beziehungen, Freundschaften und Familien, die das Schmieröl für diesen Motor liefern.
 
Was könnte größerer Ausdruck des deutsch-französischen Austauschs und der Freundschaft sein als dieser 60. Jahreskongress der Deutsch-Französischen Gesellschaften. Deshalb kommt aus meiner Sicht Ihnen, den Mitgliedern der deutsch-französischen Gesellschaften eine ganz besondere Bedeutung zu.
 
Ich darf Sie herzlich grüßen von der deutsch-französischen Freundschaftsgruppe des Senats und des Bundesrats. Soeben hat ein Treffen in Bordeaux stattgefunden, bei dem ich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vertreten habe. Neben anderen Themen haben wir auch über die Stärkung der deutsch-französischen Zusammenarbeit gesprochen und ich möchte die Bitte übermitteln, dass sich das Ehrenamt auch hier einbringt, dass Sie in den Städtepartnerschaften mitwirken und mithelfen, für junge Leute Austauschmöglichkeiten zu finden im schulischen Bereich und über Praktika.
 
Sie, meine Damen und Herren, haben die Möglichkeit, den Blick auf den jeweils anderen zu schärfen und miteinander und nicht nur übereinander zu reden. Sie haben die Möglichkeit, Ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Sie sind die wichtigsten deutsch-französischen Vermittler. Sie bringen die Menschen zusammen, in den Vereinen, in Kommunen und durch Städtepartnerschaften, damit das Verständnis für das gemeinsame Europa wächst.

Sie bauen am Haus Europa!

 
Ich begrüße Ihr Engagement ganz außerordentlich. Ich wünsche mir sehr - und sage auch das nicht zum ersten Mal -, dass Sie die Aufgabe annehmen, auch in diesem Rahmen die Debatte über die künftige Gestalt der Europäischen Union zu führen. Dass die konkreten Fragen nach der Gestalt einer gemeinsamen europäischen Zukunft auch in den Begegnungen und Gesprächen zwischen französischen und deutschen Freunden eine Rolle spielen. Gerade auch mit und zwischen den jungen Menschen, die sich erneut erfreulicherweise so stark auf diesem Kongress engagiert haben.
 
Und es sind Initiativen wie die Ihre, die immer wieder daran erinnern, warum wir die Europäische Union wollen, und warum wir sie brauchen, die mir die Hoffnung geben, dass wir trotz der anfangs genannten Herausforderungen, trotz der nationalen Egoismen, im Ergebnis durch all diese Krisen hindurch Europa nicht scheitern lassen werden, sondern es voranbringen zum Nutzen seiner Bürgerinnen und Bürger.
 
Ich finde, Sie haben mit Ihrem Kongress einen ganz wichtigen Beitrag zu dieser notwendigen Debatte über unser gemeinsames Europa geleistet und dafür danke ich Ihnen allen sehr!
 

Merci beaucoup pour votre engagement europeén!

 
 

Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren
 

 

Dr. Angelica Schwall-Düren

Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien
des Landes Nordrhein-Westfalen

 

Weitere

Pressemitteilungen

Weitere

Informationen

Landesregierung

Ansprechpartner

Wenn Sie Fragen zur Arbeit der nordrhein-westfälischen Landesregierung haben, Sie sich für bestimmte Themen interessieren oder Informationsmaterial suchen, dann sind Sie genau richtig bei Nordrhein-Westfalen direkt, dem ServiceCenter der Landesregierung!

Erreichbarkeit

Kontakt

Pressestelle

Pressestelle des Ministers für Bundes- und Europa- angelegenheiten, Internationales und Medien

Information

Downloads

Links

Zum Thema

Information