Rede Ministerin Schwall-Düren auf der Bonn Conference 2015

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12. Mai 2015

Rede Ministerin Schwall-Düren auf der Bonn Conference 2015

Internationale Konferenzreihe für nachhaltiges Handeln

Grußansprache von Frau Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren anlässlich der Bonn Conference for Global Transformation 2015 – From Politics to Implementation. Bonn, 12. Mai 2015.

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- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
ich heiße Sie alle sehr herzlich willkommen zur ersten Bonn Conference for Global Transformation. Ich freue mich sehr darüber, dass wir heute und morgen Gäste aus über 70 Ländern begrüßen dürfen, die aus fast allen Teilen der Welt nach Bonn gereist sind.
  

I. Paradigmenwechsel

Die Weltgemeinschaft steht vor einem Paradigmenwechsel in der Bewältigung der globalen Herausforderungen. Wir begreifen heute, dass alle Länder und alle Gesellschaften ihre bisherigen Entwicklungspfade ändern müssen, damit es uns gelingt kann, eine wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft für unseren Planeten und für die heutigen und künftigen Generationen zu gestalten.
 

Ein „Weiter so“ kann es nicht mehr geben.

Auch die gewohnte Einteilung unserer Welt in Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer ist heute zumindest fragwürdig. Sie vermittelt den Eindruck, es seien vor allem die Länder des Südens, in denen ein Wandel, eine Entwicklung stattfinden müsse, während es tatsächlich vor allem der Lebensstil und die Wirtschaftsweise in den Industriestaaten sind, die nicht nachhaltig sind. Sie vermittelt auch den trügerischen Eindruck, es bestünde eine Art Modell, ein klarer, vorgezeichneter Entwicklungskurs zu Wohlstand und einem menschenwürdigen Leben. Solche noch immer weit verbreiteten Vorstellungen gilt es zu überwinden. Dafür steht die Erarbeitung der Sustainable Development Goals, und dafür will auch unsere Konferenz stehen: für eine globale Transformation.

Denjenigen, deren Herz für die Entwicklungspolitik schlägt, sage ich gern: Die Entwicklungspolitik als Handlungsfeld verliert damit nicht an Bedeutung. Denn wir vergessen bei einer Erweiterung des Blickwinkels auf die Zukunftsaufgaben der gesamten Menschheit nicht, dass über eine Milliarde Menschen noch immer unter Hunger, extremer Armut, fehlendem Zugang zu grundlegenden Gütern wie Wasser oder Bildung oder unter Gewalt und Konflikten leiden. Noch nie waren so viele Menschen auf unserem Planeten gleichzeitig auf der Flucht. Verheerende Naturkatastrophen wie in Vanuatu oder zuletzt in Nepal nehmen zu. Auch der von Menschen verursachte Klimawandel hat Folgen. Zu behaupten, Entwicklungspolitik habe an Bedeutung verloren, wäre daher geradezu zynisch.
Wenn aber die Mehrheit der unter extremer Armut leidenden Menschen nicht in den am wenigsten entwickelten Ländern lebt, sondern in Schwellenländern mit einem zunehmenden Wohlstand und einem enorm wachsenden politischen und wirtschaftlichen Gewicht, und wenn auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland 15% der Menschen in Armut leben oder von Armut bedroht sind, dann wird deutlich: Fragen der globalen Verteilung von Chancen und Gütern lassen sich nicht trennen von Fragen der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Staaten und Gesellschaften.

Für diese Perspektive stehen die SDGs und dafür will auch die Bonn Conference for Global Transformation stehen. Die Bereitschaft des globalen Sustainable Development Solutions Network, unsere Konferenz als Partner zu unterstützen, freut mich daher ganz besonders.
 

II. Bonn Conference und der Standort Bonn

Meine Damen und Herren,

die Bonn Conference for Global Transformation ist eine Plattform. Sie bietet denen eine internationale Bühne, die gemeinsam und ganz praktisch nach Lösungen zur Bewältigung der globalen Herausforderungen suchen und Erfahrungen austauschen wollen. Die Bonn Conference ist deshalb einer der vielen Bausteine einer „Globalen Partnerschaft“ zur Umsetzung der SDGs.

Selbstverständlich errichten wir diese Bühne in Bonn. Nirgends sonst in Deutschland arbeiten und forschen so zahlreiche nationale und internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen an globalen Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsfragen. Nennen will ich für die vielen nur das Klimasekretariat der Vereinten Nationen, das in drei Wochen hier an gleicher Stelle die große Tagung der Nebenorgane der Klimakonvention zur Vorbereitung der Pariser Vertragsstaatenkonferenz im Dezember ausrichten wird.

Unsere Konferenz ist ein Beitrag zur weiteren Steigerung der Sichtbarkeit der vielen Impulse, die von Bonn ausgehen, und bietet den vielen Bonner Akteuren ein neues Forum für internationalen Austausch und internationale Vernetzung. Ich sehe mit Freude, dass unser Angebot auf große Resonanz gestoßen ist und dass viele Bonner Organisationen in den Panels und als Veranstalter von Workshops an unserer Konferenz mitwirken. Lieber Herr Professor Rhyner und lieber Herr Professor Messner: Mein besonderer Dank richtet sich an die United Nations University, die sich bereit erklärt hat, unsere Konferenz als strategischer Partner dauerhaft zu unterstützen, und an das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik, auf dessen Unterstützung bei der Vorbereitung der Konferenz wir uns stets verlassen konnten und das intensiv in das Programm eingebunden ist.
 

III. Transformationsland NRW

Meine Damen und Herren,
 
für uns in Nordrhein-Westfalen ist Transformation Alltag und gelebte Praxis.
 

Nur wenige Regionen in der Welt werden mit gleicher Berechtigung von sich behaupten können, die Idee der Transformation so zu verkörpern, wie das für Nordrhein-Westfalen zutrifft.

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat unser Land besonders stark geprägt. Sie hat weite Teile unseres Landes in eine Industrieregion und in einen sehr dicht besiedelten urbanen Ballungsraum verwandelt. Die Industrialisierung hat Menschen aus vielen anderen Ländern und Kulturen erst als Arbeitskräfte und dann als Mitbürger zu uns geführt. Sie hat die Kultur, die Sprache und die Mentalität vor allem der Menschen im Ruhrgebiet geprägt, dem geographischen Zentrum Nordrhein-Westfalens. Sie hat die Landschaft physisch verändert, oft leider nicht zum Vorteil, und vielen unserer Städte ihr Gesicht verliehen.

Mit der ersten Kohlekrise im Jahr 1958 hat bei uns ein unaufhaltsamer und tiefgreifender Prozess des wirtschaftlichen Strukturwandels begonnen, der bis heute anhält. Allein in der Kohle- und Stahlindustrie sind seither etwa 1 Mio. Arbeitsplätze verloren gegangen, und auch andere traditionelle Industriebranchen wie die Textilindustrie sind bei uns fast verschwunden.
Heute, im Jahr 2015, hält der Wandel Nordrhein-Westfalens zu einer modernen Industrie-, Dienstleistungs- und Technologieregion weiter an, während wir schon mitten in der nächsten großen wirtschaftlichen Transformation stecken, der Transformation hin zu einer von Digitalisierung und Vernetzung aller Arbeitsprozesse und Produkte geprägten „Industrie 4.0“.
Vieles an unseren Erfahrungen mit dem Strukturwandel ist von hohem Interesse für globale Transformationsprozesse in Richtung Nachhaltigkeit:

  • Wir haben gelernt, dass der Strukturwandel, dass Transformation ein umfassender ökonomischer, ökologischer, sozialer, psychologischer und politischer Vorgang ist. Ein struktureller Wandel gelingt nicht ohne einen tiefgreifenden Wandel von Mentalitäten und Lebensgewohnheiten – einen „mind shift“.

  • In Nordrhein-Westfalen wissen wir, was Strukturwandel den Menschen abverlangt, und wir haben gelernt, dass Transformation nur gelingt, wenn wir die Menschen mitnehmen. Eine von oben verordnete oder vorgeschriebene Transformation ist zum Scheitern verurteilt.

  • Wir haben, auch im Vergleich zu anderen industriell geprägten Regionen, gesehen, dass Strukturwandel erfolgreich und dauerhaft am besten dort gelingt, wo er die Existenzgrundlage der Menschen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gefährdet. In Nordrhein-Westfalen sind wir stolz darauf, dass es uns im Strukturwandel gelungen ist, den ökonomischen Absturz einer ganzen Region und die Verelendung ganzer Städte, wie wir sie andernorts gesehen haben und sehen, zu vermeiden.

 

IV. NRW sieht sich als Partner im globalen Dialog

Meine Damen und Herren,
 
die Transformation zu einem nachhaltigen und globalen verantwortlichen Entwicklungspfad stellt Regionen wie Nordrhein-Westfalen mit einer energieintensiven Wirtschaftsstruktur vor besondere Herausforderungen. Wir sind uns dessen bewusst und stehen dazu, dass dieser Wandel bei uns nicht so schnell vollzogen werden kann, wie dies manchmal gefordert wird. Denjenigen, die die deutsche Energie- und Klimapolitik verfolgen, genügt an dieser Stelle das Stichwort „Braunkohle“.

Aber: Nordrhein-Westfalen nimmt seine globale Verantwortung ernst und leistet seinen Beitrag zur globalen Transformation. So ist es gerade der bei uns besonders gut zu beobachtende tiefgreifende Wandel einer Industrieregion, der zur Folge hat, dass hier die Technologien und Verfahren entwickelt werden, die den Wandel zu einem nachhaltigen Lebensstil und einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auch global unterstützen können.

Wer sich etwa ein Bild davon verschaffen möchte, wie moderner Klimaschutz im städtischen Raum aussehen kann, der sollte in die Ruhrgebietsstadt Bottrop fahren und sich das Projekt „Innovation City“ ansehen. Da werden seit 2010 modellhaft innovative Ideen und Lösungen zum urbanen Klimaschutz entwickelt. Dort wird ein ganzes bestehendes städtisches Quartier so umgestaltet, dass bis zum Jahr 2020 50% der CO2-Emissionen eingespart werden. Und in ganz Nordrhein-Westfalen entsteht die „Klimaexpo“, ein Schaufenster und ein Laboratorium für die Energiewende und modernen Klimaschutz.

Diese und andere Erfahrungen, die wir machen, teilen wir gern mit anderen, auch damit diese nicht-nachhaltige Entwicklungspfade vermeiden können. Auch das ist Teil einer „Globalen Partnerschaft“, wie ich sie verstehe, und die Bonn Conference for Global Transformation ist eine Plattform, auf der dieser Austausch stattfinden kann. Deshalb freue ich mich auch darüber, dass zahlreiche Akteure aus ganz Nordrhein-Westfalen aktiv an der Gestaltung unserer Konferenz mitwirken.
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
ich heiße Sie noch einmal herzlich willkommen und hoffe, dass Sie von der Bonn Conference for Global Transformation spannende, inspirierende und motivierende Eindrücke mit nach Hause nehmen werden.
 
Vielen Dank.

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