Gedenkrede anlässlich der zentralen Landesfeier zum Volkstrauertag

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20. November 2015

Gedenkrede anlässlich der zentralen Landesfeier zum Volkstrauertag

Zentrale Landesfeier Gütersloh

Gedenkrede von Herrn Franz-Josef Lersch-Mense Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen und Chef der Staatskanzlei anlässlich der zentralen Landesfeier zum Volkstrauertag in Gütersloh am 14. November 2015.

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- es gilt das gesprochene Wort! -




Meine sehr geehrten Damen und Herren,


wir gedenken heute zum Volkstrauertag der Toten und Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges und der Opfer der Gewaltherrschaft. Im letzten Jahr erinnerten wir uns an den 100. Jahrestag des Beginns des ersten Weltkriegs. In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal.


Angesichts der schrecklichen Ereignisse der Flüchtlingskrise ist das Erinnern an diese Zeit aktueller denn je. Unser Blick in die Vergangenheit führt uns unmittelbar in die Gegenwart zurück.

Denn gerade heute machen uns die Menschen, die vor dem Krieg in ihren Heimatländern bei uns Schutz suchen, noch einmal mehr bewusst, was Krieg bedeutet. Wir sind froh und dankbar, dass wir heute seit 70 Jahren in Frieden, Freiheit, Demokratie – und im Verhältnis zu vielen anderen Ländern – in Wohlstand leben.


Wenn wir am Volkstrauertag unserer eigenen Geschichte gedenken, tun wir es nicht, weil es uns auferlegt wird oder es einfach Tradition ist. Wir tun es, weil es zur Bestimmung unseres historischen Standpunktes und zum demokratischen Selbstverständnis gehört. Historisches Bewusstsein ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit.

Wir müssen es uns erarbeiten und es nachfolgenden Generationen vermitteln.




Dabei helfen uns Rituale und eine lebendige Erinnerungskultur. Ein immer größer werdender Abstand zum Geschehen lässt es zu, dass wir uns heute mit immer mehr Facetten des Entstehens und der Folgen des Krieges befassen. Auch wenn die Zahl derjenigen unter uns, die eine persönliche Erinnerung an die damalige Zeit haben, immer kleiner wird, so erzählen uns doch die von ihnen hinterlassenen Zeugnisse sehr persönliche Geschichten.


Wir haben Zugang zu Briefen, Postkarten und Tagebüchern auch aus Belgien, England, Serbien und Russland (www.europeana1914-1918.eu). Ihre Authentizität, ihre Unmittelbarkeit lassen uns heute Träume und Hoffnungen, Menschlichkeit auch in Kriegszeiten, aber auch Desillusionierung und grenzenloses Leid nachempfinden und fehlgeleitete Ideologien erkennen.


Das sind Geschichten, die zu unserer Geschichte werden. Eine Geschichte, die uns dank der Digitalisierung immer einfacher zugänglich wird. Und die nicht mehr nur die deutsche Geschichte ist, sondern die wir heute als „unsere“ europäische Geschichte verstehen.


Heute können wir uns die Größe der Katastrophe zweier Weltkriege am ehesten zum Beispiel durch einen Besuch der großen Kriegsgräberstätten vergegenwärtigen. Sie sind alles andere als Orte der Heldenverehrung.

Sie sind Symbole unvorstellbaren Grauens und Leides. Sie sind aber zugleich Mahnmale für den Frieden.




Ich möchte an dieser Stelle auch dem Volksbund dafür danken, der wesentlich mit dazu beiträgt, dass wir heute diese Möglichkeit haben. Wenn wir uns mit den Zeiten des Krieges und vor allem den Menschen beschäftigen, wird uns noch einmal klar, wie schnell aus Frieden Krieg werden kann. Am 24. Juni 1914 (also am Tag vor den Schüssen von Sarajevo) haben sich wohl die wenigsten Menschen in Europa vorstellen können, dass sie sich in kürzester Zeit in einem Weltkrieg wiederfinden würden. Diese Zeiten haben uns gelehrt, wie wenig Kriege vorhersehbar sind. Ja, es gab davor eine immer wiederkehrende Ahnung von „Krieg-in-Sicht“ (Balkankriege 1912 und 1913).


Doch das Grauen, das dann in Europa entfesselt wurde, überstieg jegliche Vorstellungskraft der meisten der damaligen Zeitgenossen. Neben dem Tod von Millionen von Menschen und einer unermesslichen Zerstörung wurden von einem auf den anderen Tag für unverrückbar gehaltene Überzeugungen und Strukturen in Frage gestellt und zerstört.


Weniger gegenwärtig ist heute Vielen in Deutschland der mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verbundene Untergang der Großmächte Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reiches. Es entstanden neue, kleinere Staaten.


Insgesamt wurden 20.000 Kilometer Grenzen neu gezogen. Folgen des Krieges, der neuen Grenzen und Staaten waren Flucht und Vertreibung in einem kaum gekannten Ausmaß und die Entstehung neuer nationaler Minderheiten. Mehr als zehn Millionen Menschen überschritten allein in Europa nach den Friedensverträgen Grenzen und zwar unfreiwillig. Berlin wurde zeitweilig zum europäischen Zentrum der russischen Emigranten, die vor der Revolution in Russland und dem dort tobenden Bürgerkrieg geflohen waren. Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, mussten auch hunderttausende Ungarn ihre Heimat in Serbien oder Rumänien verlassen.


Doch leider haben wir es damals in Europa noch nicht verstanden, aufeinander zuzugehen und dauerhaft Frieden zu schließen. Die Blickwinkel der Völker in Europa auf das gerade Geschehene waren zu unterschiedlich.


Auch wenn sich viele Menschen das Gleiche, nämlich Frieden und eine neue verlässliche Ordnung wünschten, so sprachen die Menschen in Europa noch zu unterschiedliche Sprachen.

Wenn wir heute im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg vom Mord an Millionen, dem Massensterben, von der anschließenden Flucht und Vertreibung von Millionen von Menschen sprechen, dann müssen wir auch sagen, dass dieser Krieg, dieses unendliche Leid von Deutschland ausgegangen ist. Gerade heute ist es wieder von besonderer Bedeutung sich zu vergegenwärtigen, wie in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine perfide Idee, erst von Wenigen getragen, dann zur breiten Ideologie wurde. Als kleine Splitterpartei gestartet, wurde die NSDAP von vielen Wählern und Mitgliedern der demokratischen bürgerlichen Parteien nur als radikale Randerscheinung einer Krisenzeit wahrgenommen. Im Spiel mit Ängsten und Vorurteilen vor dem Hintergrund eines als ungerecht empfundenen Friedensvertrages von Versailles und wirtschaftlichen und sozialen Problemen gewann sie immer mehr Mitstreiter und Mitläufer.

Dadurch wurden unfassbare Gräuel möglich. Gräuel, für die Vernichtungslager wie Ausschwitz stehen. Die Vernichtung um des Vernichtens willen, macht uns noch immer fassungslos.


Millionen von Menschen wurden ermordet, Millionen starben in dem damit verbundenen Krieg, wurden verletzt an Leib und auch tief in ihrer Seele.


Viele haben in Folge ihre Heimat verloren. Flucht und Vertreibung kennzeichneten insbesondere die erste Zeit nach dem Krieg. Im Herbst 1946 lebten im gerade neu gegründeten und durch den Krieg stark gezeichneten Land Nordrhein-Westfalen 870.000 Vertriebene. 1950 waren es über 1,3 Millionen. Die Menschen kamen in dieser Zeit in ein Land, das in keiner Weise auf ihre Aufnahme vorbereitet war. In ein Land, in dem die Menschen mit dem eigenen Überleben beschäftigt waren. Die Unterbringung der Menschen war eine scheinbar kaum zu bewältigende Herausforderung. Viele Ankommende wurden mit Misstrauen bis hin zur Ablehnung empfangen. Unverträglich erschienen damals zum Teil das „Katholische“ und das „Evangelische“. Diskriminierungen und Ausgrenzungen waren an der Tagesordnung. Die Arbeitslosenquote der neu Angekommenen war damals zunächst doppelt so hoch wie die der Einheimischen. So blieb für viele Vertriebene nur der Traum, irgendwann in „ihre“ Heimat zurückkehren zu können.


Erst das Wirtschaftswunder in Deutschland machte in den 1950er Jahren die wirtschaftliche und soziale Eingliederung möglich. Wenn wir heute auf die Erfolgsgeschichte der Integration von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen zurückblicken, sollten wir uns auch vergegenwärtigen: Es war nicht selbstverständlich, nicht leicht und auch nicht konfliktfrei. Das gilt nicht nur für die unmittelbare Nachkriegszeit, sondern auch für die Zeit als nach der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ hunderttausende Aussiedler aus Osteuropa zu uns kamen. Gerade im letzten Monat durften wir 25 Jahre deutsche Einheit feiern. Wir haben dies auch den vielen Menschen zu verdanken, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzten – in Deutschland und mit Deutschland. Gefordert wurde damals auch die Ausreisefreiheit – und damit auch die Möglichkeit, anderswo einreisen und bleiben zu dürfen. Doch selbst diese so lange von vielen Menschen erträumte Freiheit Anfang der 90er Jahre war nicht nur gekennzeichnet durch Neuanfänge, sondern auch durch Krieg, der fast direkt vor unserer Haustür stattfand. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Menschen suchten bei uns Zuflucht vor den Gräueln des Krieges, wie das Massaker von Srebrenica.


Ein Vergleich zwischen den damaligen Pressemeldungen und der Flüchtlingssituation heute zeigt, wieviel wir dazu gelernt haben. Zeigt, dass wir jetzt mehr Offenheit für die Sorgen von Menschen haben, die zu uns kommen. Heute sind wir zu Recht stolz auf unsere „Willkommenskultur“, die sich nicht nur in winkenden Menschen an Bahnhöfen äußert. Viele tausende Menschen engagieren sich jeden einzelnen Tag für eine gute Aufnahme von Flüchtlingen, zumeist ehrenamtlich. Sie helfen Kindern und Familien, zur Ruhe kommen zu können, eine erste Orientierung in unserer Gesellschaft zu erhalten. Sie tun das zum Teil bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und dafür möchte ich Allen von Herzen danken. Wir sollten uns aber auch vor Augen führen, wieviel schwerer für uns diese Zeiten ohne ein geeintes Europa gewesen wäre.

Was hätten wir erreichen können, wie hätten wir uns entwickelt, wenn unsere früheren Gegner uns nicht die Hände gereicht hätten?




Unseren Eltern und Großeltern gelang nach dem Zweiten Weltkrieg etwas, woran die Generationen vor ihnen noch scheiterten – der Aufbau eines neuen Europas.


Die Europäische Union gibt uns zum ersten Mal in der früher blutigen Geschichte unseres Kontinents auch die Werkzeuge an die Hand, um für den Frieden einzutreten: mit Mechanismen, die nicht mehr auf dem Recht des Stärkeren beruhen, sondern vom Streben nach Ausgleich einer Vielzahl unterschiedlicher Interessen geprägt sind. Dies geschieht in einem Prozess, in dem jeder zu Wort kommt, und in dem die Interessen aller Beteiligten auch als grundsätzlich legitim angesehen werden.So wie die Schlagbäume zwischen den Ländern verschwanden, entdeckten wir neue Seiten an unseren europäischen Partnern. Wir entdeckten mehr Gemeinsamkeiten, erkannten aber auch, welche Dinge uns trennen. Im tiefsten Inneren der meisten von uns hat sich die Erkenntnis verankert, das unser aller Schicksal in Europa miteinander verknüpft ist. Das Bewusstsein, dass eine Entwicklung in einem Land Europas niemals den Rest Europas unberührt lassen wird. Wenn wir die aktuelle Flüchtlingskrise betrachten, scheint es bei Manchen fast so, als hätte Europa diese Lehren vergessen. Es schmerzt, wenn angesichts der vielen Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen, rechtsradikale Parolen unüberhörbar werden, Anschläge auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte stattfinden. Dabei liegt es an uns, aus der europäischen Geschichte die richtigen Lehren zu ziehen. Fremdenfeindlichkeit und Gewalt dürfen keinen Platz in der Gesellschaft haben.


Der Blick zurück an diesem heutigen Tag zeigt uns:

  • Die Folgen von Krieg sind weder von einem Land allein noch in kurzer Zeit zu bewältigen.
  • Wir brauchen heute mehr denn je die Solidarität und Zusammenarbeit in Europa. Wir brauchen mehr und nicht weniger Europa.
  • Der Blick zurück zeigt uns auch, wie stark unser Land und Europa im vergangen Jahrhundert durch Flucht und Vertreibung mit geprägt wurde. Viele Menschen, die im heutigen Deutschland leben, sind selbst geflohen oder haben ihre Heimat verlassen.
  • Wir blicken heute dankbar zurück auf 70 Jahre Frieden in Zentraleuropa. Wir können heute in der Hilfe für Flüchtlinge etwas von dem zurückgeben, was wir an Solidarität und Unterstützung in der Vergangenheit erfahren haben.


Gestatten Sie mir an dieser Stelle Helmut Schmidt zu zitieren (SPD-Bundesparteitag am 4. Dezember 2011 in Berlin):


„Wir Deutschen haben doch unsere große Wiederaufbauleistung der letzten sechs Jahrzehnte auch nicht allein oder nur aus eigener Kraft zustande gebracht. Sie wäre nicht möglich gewesen ohne unsere Einbettung in die europäische Gemeinschaft, sie wäre nicht möglich gewesen ohne den Marshall-Plan, sie wäre nicht möglich gewesen ohne das atlantische Bündnis. Sie wäre auch nicht möglich gewesen, ohne den politischen Aufbruch im Osten Mitteleuropas und sie wäre nicht möglich gewesen ohne das Ende der kommunistischen Diktatur."


Meine Damen und Herren,

die Parallelen aus der eigenen Geschichte helfen uns auch bei der Bewältigung der jetzigen Flüchtlingssituation. Wir wissen und sollten uns aber auch eingestehen, dass wir Zeit und Geduld brauchen.

Wir stehen heute hier und gedenken der Opfer der Kriege. Wir gedenken der Opfer des Völkermordes und damit all jenen, die aus politischen, religiösen und anderen Gründen verfolgt wurden. Wir gedenken auch derer, die in friedenssichernden Einsätzen der Bundeswehr und als zivile Opfer getötet oder verwundet wurden.


Lassen Sie uns stark bleiben in der Überzeugung, dass wir Menschen beistehen, die in anderen Ländern Opfer von Krieg und Verfolgung werden und dass für Verfolgung in Deutschland und Europa kein Platz ist!

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