Eröffnungsrede für das 4. Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum

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MCdS Franz-Josef Lersch-Mense Pressefoto
23. Februar 2016

Eröffnungsrede für das 4. Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum

Veranstaltung in Dortmund

Eröffnungsrede des Ministers für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien und Chefs der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersch-Mense, für das 4. Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum am 23. Februar 2016 in Dortmund.

bislang nicht bewertet
 
- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
vor einigen Jahren hat der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina eine sehr ironische und viel beachtete Anleitung veröffentlicht, wie ausländische Autoren am besten über Afrika schreiben sollten, damit ihr Buch ein sicherer Erfolg wird.
 
Unter dem Titel „How to Write about Africa“ rät Wainaina unter anderem: „Behandle Afrika, als wenn es ein Land wäre. Stresse Dich nicht mit genauen Beschreibungen. Afrika ist groß: 54 Länder und 900 Millionen Menschen, die alle viel zu beschäftigt damit sind zu verhungern, zu sterben, sich zu bekriegen oder auszuwandern, als dass sie Dein Buch lesen könnten.“
 
Für ein erfolgreiches Buch über Afrika, so der Kenianer, sollte man kein Klischee scheuen, seien es halbnackte Masai-Krieger, korrupte Politiker oder Ausländer, die den Kontinent wahlweise ausbeuten oder als aufopfernde Retter porträtiert werden. Tabu hingegen sei der Hinweis auf afrikanische Schriftsteller und Intellektuelle sowie auf Familien, die einfach ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Kinder zur Schule schicken.
 
Binyavanga Wainaina hat leider nicht unrecht mit seiner Kritik am westlichen Blick auf Afrika. Der Kontinent taucht in der Berichterstattung oft nur dann auf, wenn es schlechte Nachrichten zu vermelden gibt. Und das sind dann für viele Menschen die einzigen Bilder, die sie von Afrika haben.
 
Meine Damen und Herren,

bitte missverstehen Sie mich nicht. Natürlich gibt es Regionen in Afrika, in denen Hunger herrscht, in denen Terroristen unfassbare Verbrechen begehen oder in denen Machthaber Gesetze zu ihrem persönlichen Nutzen verändern. Und ganz aktuell erreichen uns Berichte, dass das Wetterphänomen El Niño am Horn von Afrika sowie im Süden des Kontinents eine besorgniserregende Dürre zur Folge hat. Es gibt leider immer noch viel zu tun für lokale und internationale Hilfsorganisationen. Auch die Landesregierung finanziert Hilfsprojekte in Afrika.
 
Dieser Kontinent hat aber zugleich ein unglaubliches Potenzial, das oft übersehen wird. Diese 54 Länder haben in den letzten Jahren teilweise eine Entwicklung und ein Wirtschaftswachstum erlebt, das uns Europäer neidisch machen kann. Und jedes dieser Länder verdient es, losgelöst von seinen Nachbarn betrachtet zu werden. Höchste Zeit also, dass wir unseren Blickwinkel ändern.
 
Bis 2030 wird Afrika 40% der Weltbevölkerung stellen. Und  immer mehr afrikanische Länder sind politisch stabil oder auf dem Weg dorthin. In Nigeria zum Beispiel gab es im letzten Jahr zum ersten Mal einen demokratischen Machtwechsel. Dies ist ein ermutigendes Signal – und das nicht nur für Investoren.
 
Dort, wo Machthaber an ihren Stühlen kleben, sehen sie sich immer öfter Protesten gegenüber und müssen feststellen, dass die Bevölkerung einen Dauerpräsidenten nicht mehr akzeptiert. In Burkina Faso etwa wurde Präsident Campaoré nach 27 Jahren an der Macht von seinen Bürgern aus dem Amt gejagt, als er die Verfassung zu seinen Gunsten ändern wollte, um weiter regieren zu können. Im November letzten Jahres konnten die Menschen in Burkina Faso in demokratischen und vor allem friedlichen Wahlen endlich ein neues Staatsoberhaupt wählen.
 
Ähnlich wie beim Arabischen Frühling haben auch hier soziale Medien eine große Rolle gespielt. Sie halfen, die Proteste in Burkina Faso, die unter dem Namen „Bürgerbesen“ bekannt wurden, zu organisieren. Afrikas Bevölkerung ist eine sehr junge, und sie will ihre Zukunft aktiv mitbestimmen. Sie wendet sich gegen selbstherrliche Machthaber, Korruption und Vetternwirtschaft.
 
Dass es auch anders geht, zeigt Tansanias Präsident John Pombe Magufuli. Er hat in den ersten Monaten seiner Amtszeit Ernst gemacht mit seinen Ankündigungen, den Staatshaushalt zu sanieren. Die Feier zum Unabhängigkeitstag hat er abgesagt, die Kosten für Staatsbankette gesenkt und sein Kabinett darf nur noch Economy Class fliegen. Vom gesparten Geld hat Magufuli unter anderem Krankenhausbetten angeschafft. Nun feiert ihn die Netzgemeinde auf Twitter unter dem Hashtag „What would Magufuli do“ mit weiteren Sparvorschlägen. Diese sind nicht unbedingt ernst gemeint, zeigen aber, dass die Bevölkerung seine Bemühungen anerkennt – und dass Politik junge Menschen begeistern kann. Aus Tansanias Nachbarländern werden im Netz inzwischen Rufe laut, andere Präsidenten mögen Magufulis Beispiel folgen.
 
Meine Damen und Herren,

die Hälfte der Bevölkerung Subsahara-Afrikas ist jünger als 20 Jahre. Diese jungen Menschen sind nicht nur ehrgeizig und bildungshungrig, sie haben auch wachsende Konsumbedürfnisse. Andere Länder sind bereits dabei, diesen Markt zu erobern. China, Japan, Indien, Brasilien und Russland sind nur einige von denen, die in Afrika aktiv sind. Statt auf Entwicklungshilfe setzen diese Länder vor allem auf Investitionen, zum Beispiel im Bereich der Infrastruktur. Damit sichern sie sich nicht selten zugleich den Zugang zu Afrikas begehrten Rohstoffen.
 
Zu den großen Zukunftsmärkten Afrikas gehören unter anderem Energie, Wasser, Straßenbau und Gesundheit. Alles Branchen, in denen die deutsche Wirtschaft und vor allem der deutsche Mittelstand viel zu bieten haben. Und Produkte „made in Germany“ genießen einen guten Ruf in Afrika.
Ich möchte zudem an dieser Stelle noch einen weiteren Bereich hervorheben: Bildung. Die Duale Ausbildung, wie wir sie in Deutschland haben, ist inzwischen zu einem weltweiten Exportschlager geworden. Angesichts der jungen afrikanischen Bevölkerung sehe ich hier großes Potenzial für Kooperationen zwischen deutschen und afrikanischen Bildungsträgern.
 
Meine Damen und Herren,

nicht immer sind die Rahmenbedingungen für ein deutsches Engagement in Afrika ideal, auch das gilt es offen anzusprechen. Stromausfälle, schlechte Straßen und Fachkräftemangel sind nur einige Beispiele. Doch die Verantwortlichen arbeiten auch hier an Verbesserungen.
 
Ich möchte an dieser Stelle beispielhaft unser Partnerland Ghana nennen, das den Ausbau des Stromnetzes ebenso wie der Verkehrswege und des Gesundheitssystems zu Schwerpunkten der Regierungspolitik erklärt hat und diese Herausforderungen mit Hochdruck angeht.
 
Die ghanaische Regierung und die Landesregierung Nordrhein-Westfalen sind zurzeit dabei, ein neues Partnerschaftsabkommen zu erarbeiten, das wir hoffentlich bald unterzeichnen können. Ich freue mich, dass Frau Botschafterin Akua Sena Dansua heute hier unter uns ist: Herzlichen Dank an Sie, auch für Ihren persönlichen Einsatz für das Partnerschaftsabkommen. Ich hoffe, dass damit Investitionen in Ghana für die nordrhein-westfälische Wirtschaft noch interessanter werden. In diesem Zusammenhang möchte ich zudem darauf hinweisen, dass Ghana zu den Ländern gehört, für die die Bundesregierung ihre Exportkreditgarantien inzwischen auch für Geschäfte mit dem öffentlichen Sektor anbietet, weil sie hier ein großes Potenzial sieht.
 
Eines sollte man beim Blick auf die Problembereiche Afrikas nicht unerwähnt lassen. Was bei uns als Mangel empfunden wird, ist für Unternehmer vor Ort nicht selten eine Herausforderung, die einfach nur einer kreativen Lösung bedarf. In Nairobis Slums zum Beispiel können die Bewohner ihre Wasserrechnung neuerdings per Mobiltelefon bezahlen. Dafür kaufen sie am Kiosk einfach eine Art prepaid-Karte. Damit tragen die städtischen Wasserwerke der Tatsache Rechnung, dass die meisten Slumbewohner kein Konto haben. Auch in vielen anderen afrikanischen Ländern ist das Bezahlen mit dem Mobiltelefon inzwischen Alltag, während wir hier in Europa noch stark am Bargeld hängen.
 
Viele afrikanische Regierungen haben zudem erkannt, dass die Schaffung von Rechtssicherheit, Bürokratieabbau und die Bekämpfung von Korruption wichtige Voraussetzungen sind, um für ausländische Investoren attraktiv zu sein. Hier wird sich in den nächsten Jahren sicherlich einiges zum Besseren wenden.
 
Meine Damen und Herren,

für die Landesregierung schließen sich Entwicklungszusammenarbeit und Außenwirtschaftsförderung nicht aus – im Gegenteil. Die vom Kabinett im Dezember 2012 verabschiedete Eine-Welt-Strategie strebt ausdrücklich eine stärkere Verzahnung beider Bereiche an.
 
Ich möchte hier ein praktisches Beispiel aus der Kooperation der Landesregierung mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit  – kurz GIZ  –  nennen. Die GIZ unterstützt mit Landesmitteln seit 2012 die Universität von Kumasi in Ghana auf ihrem Weg hin zu einem Kompetenzzentrum für Erneuerbare Energien und Ressourcenmanagement. Mittelfristig soll die Universität damit in der Lage sein, junge Ghanaerinnen und Ghanaer so auszubilden, dass sie aktiv an der Lösung der bereits erwähnten Energieprobleme ihres Landes mitwirken können.
Teil des Projektes ist zugleich aber auch eine jährlich stattfindende Umweltmesse in Accra, die „West African Clean Energy & Environment Exhibition & Conference“. Auf dieser Messe tauschen sich nicht nur Experten aus Ghana und Nordrhein-Westfalen im Rahmen eines von der GIZ organisierten Fachsymposiums aus. Hier präsentieren sich auch nordrhein-westfälische Unternehmen aus dem Bereich der Umwelttechnik. Das Wirtschaftsministerium und NRW International unterstützen die Firmen bei diesem Messeauftritt. So greifen das durch mein Haus geförderte GIZ-Projekt und die Aktivitäten der Außenwirtschaftsförderung zum Nutzen aller Beteiligten unmittelbar ineinander.
 
Wie wichtig und richtig eine solche Verbindung aus Entwicklungspolitik und Wirtschaftsförderung ist, zeigt die steigende Zahl der Migranten aus Afrika. Die junge Bevölkerung ist Afrikas große Chance, zugleich aber auch eine Herausforderung und Verpflichtung. Wenn man diesen jungen Menschen in Afrika eine Perspektive bieten möchte, dann gehört die Bekämpfung der zum Teil erschreckend hohen Jugendarbeitslosigkeit zu den wichtigsten Aufgaben auf dem afrikanischen Kontinent. Der Transfer von Wissen, Investitionen in nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Hilfe beim Aufbau von Ausbildungsmöglichkeiten sind daher ebenso Bausteine der Außenwirtschaftsförderung wie der Eine-Welt-Politik. Hier treffen wirtschaftliche Interessen und Corporate Social Responsibility – also die soziale Verantwortung von Unternehmen – unmittelbar aufeinander.
 
Ich freue mich daher, dass beim Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsforum Best Practice-Beispiele im Mittelpunkt stehen. Niemand kann Ihnen besser von den Chancen, aber auch den Herausforderungen, dem vor Ort nötigen Engagement und der manchmal erforderlichen Flexibilität berichten, als Unternehmen, die den afrikanischen Markt aus eigener Erfahrung kennen.
 
Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, wünsche ich nun interessante Vorträge, spannende Gespräche, zündende Ideen und viel Erfolg bei Ihren Geschäften in und mit Afrika!

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