Eröffnung des Europatags 2010

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14. September 2010

Rede der Ministerin zur Eröffnung des Europatags 2010 der Oberschlesier in Rheinberg

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Sehr geehrter Herr Plazczek,
Eminenz,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
I
zuerst möchte ich Ihnen die herzlichen Grüße von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ausrichten. Sie kann leider heute nicht bei Ihnen sein. Umso wichtiger war es für sie, dass sie die Schirmherrschaft über den diesjährigen Europatag der Landsmannschaft der Oberschlesier übernehmen konnte.
II
Ich freue mich sehr, dass Sie Ihr traditionelles Treffen als einen Europatag durchführen. Europa, das ist kein starres System, sondern ein Prozess, den es zu gestalten gilt.
Aus Eugène Ionescos „Bekenntnissen“ stammt der schöne Aphorismus „Phantasie ist nicht Ausflucht. Sich etwas vorstellen heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.“
Als 1964, also vor 46 Jahren, das Land Nordrhein-Westfalen die Patenschaft über die Landsmannschaft der Oberschlesier und die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Oberschlesier übernahm, waren wir mitten im Kalten Krieg. Der Schock des Mauerbaus steckte uns noch in den Knochen. Die Kubakrise, die uns an den Rand einer ernsthaften atomaren Auseinandersetzung brachte, war gerade überwunden. Die Sowjetunion hatte ihren Einflussbereich fest im Griff. Alexei Kossygin löste Nikita Chruschtschow ab. Die Fronten waren gefestigt und verhärtet.
1964, das ist das Jahr, in dem China den Besitz einer eigenen Atombombe verkündete.
1964, das ist aber auch das Jahr, in dem Ludwig Erhard noch einmal nachdrücklich die Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze betonte und Willy Brandt zum Vorsitzenden der SPD gewählt wurde.
Nur wenige glaubten damals, dass die Welt einmal anders aussehen könnte, als man sie vorfand. Nur wenige hatten die von Ionesco angesprochene Phantasie, das Vorstellungsvermögen, dass sich die Welt verändern ließe. Und nur ganz wenige hatten die Kraft, eine neue Welt zu bauen.
Das Unrecht und die Verbrechen, die vom Naziregime verübt worden waren, und das daraus folgende Leid, dem letztendlich auch die Deutschen selbst ausgesetzt waren, waren unvergessen. Die Wunden, die der Zweite Weltkrieg geschlagen hatte, der den Verlust der Heimat, Verwundung und Tod für Millionen Menschen mit sich brachte, waren längst nicht verheilt.
Aber fast unbemerkt standen wir damals am Beginn eines Weges, der zur Überwindung der Teilung in Europa geführt hat. Die Visionäre von damals haben an einer neuen Welt gebaut. Und auch manche aus Ihren Reihen haben zu diesen Visionären gehört.
III
Wo stehen wir heute?
Die Welt hat sich verändert.
Die Sowjetunion ist Geschichte.
Der Eiserne Vorhang ist von den Menschen in Mittel- und Osteuropa niedergerissen worden.
Polen und andere Länder des ehemaligen Ostblocks sind Mitglieder der NATO.
Sie sind Mitglieder der Europäischen Union.
Das politische Gesicht Europas hat sich in den vergangenen 46 Jahren radikal verändert!
Wir leben auf einem Kontinent, in dem die Regionen zunehmend an Einfluss gewinnen.
Ausgehend von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit hat sich die Zusammenarbeit der Regionen immer weiter von den unmittelbaren Grenzen entfernt. In der Europäischen Union gibt es eine Vielzahl von Programmen und Zusammenschlüssen, die die interregionale Zusammenarbeit fördern. Wir lernen voneinander und unterstützen uns. Oft versuchen wir gemeinsam unsere Interessen auf europäischer Ebene zu vertreten.
Viele Regionen sind in Brüssel präsent.
Nordrhein-Westfalen kooperiert ebenso wie andere Länder nicht mehr ausschließlich nur mit seinen unmittelbaren Nachbarn. Deshalb hat Nordrhein-Westfalen auch eine Partnerschaft mit Schlesien. Diese ist vor wenigen Tagen, am 1. September, 10 Jahre alt geworden. Das Jubiläum wird gerade gefeiert.
Gemeinsame Interessen relativieren im vereinten Europa die Bedeutung der nationalstaatlichen Grenzen. Die Mobilität der Menschen wächst. Es wird selbstverständlich, dass Studenten einen Teil ihrer Ausbildung im europäischen Ausland absolvieren. Es wird immer normaler, dass Arbeitnehmer einen Teil ihres Berufslebens im Ausland verbringen.
Ebenso ist es selbstverständlich, dass nicht nur die großen Konzerne im europäischen Ausland tätig sind, sondern auch kleinere und mittlere Unternehmen.
Die jungen Mitgliedstaaten kommen dabei immer mehr in den Blickpunkt des Interesses.
Trotz mancher Vorbehalte, trotz der bei vielen noch nicht ganz verheilten Wunden der Vergangenheit:
Europa wächst zusammen.
Wir lernen uns kennen.
Wir bauen Vorurteile ab.
Wir schließen Freundschaften.
Wir bauen mit Phantasie und Engagement an einer neuen, friedlichen Welt.
IV
Die Beziehung zwischen Nordrhein-Westfalen und Schlesien ist eine besondere Erfolgsgeschichte. Zu dieser Erfolgsgeschichte haben Sie mit Ihrem Engagement in Ihrer alten Heimat und der Zusammenarbeitmit den Menschen, die dort geblieben sind und denjenigen, die dort Ihre neue Heimat gefunden haben, beigetragen.
Bereits nach der Wende in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich das Land in Projekten zur Festigung demokratischer Strukturen auf der kommunalen Ebene in Oberschlesien engagiert. Als am 1. Januar 1999 in Polen die selbstverwaltete Woiwodschaft Schlesien entstand, war es naheliegend, diese Kooperation - wie eben erwähnt - mit einer Gemeinsamen Erklärung über die Zusammenarbeit und den Ausbau der freundschaftlichen Beziehungen zu festigen.
Diese Gemeinsame Erklärung vom 1. September 2000 ist mit einer weiteren Erklärung am 14. November 2008 bekräftigt worden. Wir haben verabredet, dass wir unter anderem auf den Feldern von Raumordnung, Stadtentwicklung, Energieeffizienz und Umweltschutz, Kultur und Tourismus zusammenarbeiten.
Es gibt eine Vielzahl von Projekten, die fortgesetzt werden und neu angestoßen sind.
Die Zusammenarbeit zwischen Nordrhein-Westfalen und Schlesien ist unter den Partnerschaften des Landes die vielseitigste und lebendigste.
Dafür: Auch Ihnen herzlichen Dank für Ihr Mittun und Ihr großes Engagement.
Die Tatsache, dass heute beim Europatag der Oberschlesier in NRW so viele Gäste aus Oberschlesien anwesend sind, ist ein Zeichen für diese lebendige Partnerschaft. Seien Sie ganz besonders herzlich begrüßt.
Wir haben die Partnerschaft mit Oberschlesein mit unserer Verbindung nach Nord Pas de Calais verknüpft. So ist das Regionale Weimarer Dreieck entstanden. Erst in der vorletzten Woche hat der Jugendgipfel des Dreiecks stattgefunden, bei dem junge Menschen aus den drei Ländern in Düsseldorf zusammen gekommen sind.  Es war gelebte europäische Integration und für die Jugendlichen ein unvergessliches Erlebnis.
Mit dem Polen-NRW-Jahr 2011/2012 wollen wir mit einer Vielzahl von Veranstaltungen in beiden Ländern nicht nur zum kulturellen Austausch einladen, sondern auch den politisch-gesellschaftlichen Dialog fördern.  Wir wollen damit eine weitere Stufe der europäischen Integration erklimmen und zum Ausbau der Freundschaft zwischen Deutschen und Polen beitragen.
Es gibt 98 Städteverbindungen zwischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen und in Polen. Es gibt 160 Schulpartnerschaften über alle Schulformen hinweg.
Diese Zahlen sprechen für ein großes Interesse an unserem östlichen Nachbarn. Dieses Interesse kann die Politik zwar wecken und unterstützen, aber die Partnerschaft wird nur von den engagierten Menschen vor Ort, in den Vereinen und Verbänden, von Ihnen mit Leben erfüllt.  
Europa wächst von unten zusammen.
Wir wollen Europa gestalten.
Wir wollen ein Europa für die Menschen.
Wir wollen zusammen mit unseren Partnerregionen Europas Verantwortung für effizienten Klimaschutz, strukturellen Wandel und ökologisch-soziale Nachhaltigkeit erreichen und erfüllen.
Wir wollen mit Phantasie eine Welt bauen.
V
Sie haben Ihren heutigen Europatag auch unter das Motto „1964 – 2010, 46 Jahre Patenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über die Landsmannschaft der Oberschlesier und die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Oberschlesier“ gestellt. Die Landesregierung fühlt sich dem Text der Patenschaftsurkunde mit den Oberschlesiern vom 17. Juni 1964 nach wie vor fest verbunden. Dort heißt es:
„Die Landesregierung unterstützt mit dieser Patenschaft auch die Aufgabe der Oberschlesier, ihr kulturelles Erbe zu wahren und fördert ihre Bemühungen, Brücke zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk zu sein.“
Ich freue mich, dass sich die Landsmannschaft der Oberschlesier aktiv an der Gestaltung der Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Woiwodschaft Schlesien beteiligt. Der unfreiwillige Verlust der Heimat und der Neubeginn in einer fremden Umgebung, den Sie oder Ihre Angehörigen erleben mussten, sind schmerzliche Erfahrungen. Daraus erwachsener Zorn und Verbitterung sind deshalb gut nachzuvollziehen. Beides kann den Blick auf die Zukunft versperren.
Deshalb finde ich es besonders anerkennenswert, dass Sie mit eigenen Ideen und Projekten seit Jahren an der Versöhnung arbeiten und weiter zum Gelingen der Kooperation beitragen. Die Stiftung Haus Oberschlesien und das Oberschlesische Landesmuseum, die in Ratingen ihren Platz gefunden haben, und das Gerhard-Hauptmann-Haus in Düsseldorf leisten eine sehr gute Kulturarbeit.
Bundespräsident Johannes Rau hat in seiner vielbeachteten Rede vor beiden Kammern des polnischen Parlaments im April 2004 gesagt:
„Wir müssen uns um einander bemühen und aufeinander zugehen, immer wieder, und jede Generation neu. Wir müssen miteinander auch über die großen Tragödien des letzten Jahrhunderts sprechen. Entscheidend ist, in welchem Geist wir das tun.“
Natürlich gibt es auf beiden Seiten, in Polen und Deutschland, immer noch gegenseitige Vorbehalte.
Mein Eindruck ist:
Diese nehmen langsam ab.
Die Menschen gehen in ihren Begegnungen offener miteinander um.
Wir müssen gemeinsam über die Vergangenheit nachdenken, um aus ihr zu lernen. Auf dieser Basis ist es unsere Aufgabe, die Zukunft zu gestalten, mit Phantasie eine neue Welt zu erbauen.
Die europäischen Regionen wachsen immer weiter zusammen.
Ich bitte Sie, im Sinne der Völkerverständigung und im Sinne eines friedlichen und vorurteilsfreien Miteinanders an diesem Ziel weiter mitzuwirken.
Ich wünsche dem Europatag 2010 der Oberschlesier einen guten Verlauf, Ihnen allen interessante Einblicke und Begegnungen. Alles Gute für die Zukunft.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
 

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