Rede zur 3. Blockveranstaltung KWI in Essen 2012

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24. Februar 2012

Rede der Ministerin zur 3. Blockveranstaltung des KWI in Essen

Thema: "Staat und Religion in Europa"

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Rede der Ministerin
anläßlich der 3. Blockveranstaltung des KWI zum Thema
"Staat und Religion in Europa"
in Essen

Herzlichen Dank Herr Professor Jäger für die freundliche Begrüßung, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass ich heute wieder an Ihrer Veranstaltung teilnehmen kann.

Sie können sich vorstellen, was mich als Europaministerin in diesen Tagen und Wochen besonders beschäftigt. Die Zeitungen waren und sind ja voll von den entsprechenden Schlagzeilen. Von einem Euro, der seine schwerste Bewährungsprobe zu bestehen hat. Von Kursen, die steigen und fallen, je nach politischer Großwetterlage in einzelnen Ländern.

Und vor diesem Hintergrund scheint das Thema Ihrer Tagung heute so gar nicht recht in die Zeit zu passen. In der größten wirtschaftlichen Krise seit 1945 von Religion sprechen zu wollen - das erinnert doch schnell an einen Satz unserer Väter und Mütter: Das Not beten lehrt. Aber das erwarten Sie sicherlich nicht von mir: Ein Plädoyer für die Religion, mit dem wir uns hinwegtrösten könnten über die Probleme unserer Zeit.

Mir ist da ein anderer Zugang auch sympathischer. Vor einigen Wochen nämlich bin ich auf eine Empfehlung gestoßen, die ebenfalls nicht so recht in die Zeit zu passen scheint. Einer der größten, einer der großen, größten nicht, Intellektuellen Frankreichs, Odon Vallet, gibt da den Rat, ich darf zitieren: „Wenn Sie zu den Menschen gehören, die Aktien und Wertpapiere kaufen, rate ich Ihnen: Kaufen Sie Christentum. Der Preis ist im Moment sehr niedrig ... er muss steigen.“

II.
Meine Damen und Herren,
So viel habe ich von der Börse verstanden: Dass man antizyklisch kaufen muss, wenn man reich werden möchte. Und so weit habe ich auch Odon Vallet verstanden: Dass es offenbar derzeit um den Kurs der Kirche nicht sonderlich gut bestellt zu sein scheint.

In der Tat - und ich nehme an Sie haben sich damit schon ausführlich beschäftigt - ein flüchtiger Blick scheint das zu bestätigen: Menschen treten aus der Kirche aus. Zu wenige finden wieder zu ihr zurück. Die Zahl der Getauften bleibt weit hinter der Zahl der Gestorbenen zurück. Und immer wieder zerrt der eine oder andere Skandal an der Glaubwürdigkeit von Religion und Kirche. An der Börse der öffentlichen Meinung muss das zu kräftigen Kursabschlägen führen.

Aber, meine Damen und Herren, ich habe einige Zweifel daran, dass Moodys, Standard & Poor, Fitch und wie sie alle heißen mögen, mit ihren Einschätzungen immer richtig liegen. Ich bin mir nicht sicher, ob die bei ihren Ratings immer die richtigen Kriterien anlegen. Und mich macht es eher nachdenklich, wenn eine der größten Banken Frankreichs, die Societé General, Kursverluste von mehr als 20% hinnehmen musste, nur weil der Präsident für ein Arbeitstreffen früher als geplant aus dem Urlaub zurückkommt. Mit einem seriösen Bild der Wirklichkeit hat das jedenfalls nicht mehr wirklich viel zu tun.

Und so ist es auch mit dem Bild, das von Kirche in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Ich bin überzeugt: Die Rolle der Kirche in Europa wird nicht so differenziert wahrgenommen, wie es notwendig wäre. Im Gegenteil.

Da wird gerne übersehen, welche Bedeutung Kirche und Religion haben, wenn es um existentielle Fragen geht: Von der Präimplantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe, vom Umgang mit Behinderten und Kranken bis zur Verantwortung, die die Starken für das Gemeinwesen haben. Im Einzelfall mag dann sicher über die jeweilige Position zu streiten sein. Aber dass Kirche und Religion uns zur Auseinandersetzung darüber zwingen, woran wir unser Leben orientieren, welche Werte wir hochhalten wollen - daran sollte eigentlich kein Zweifel bestehen.

Und trotzdem haben wir uns angewöhnt, auf Faustens Frage, wie wir es denn mit der Religion halten, zumeist in schwarz/weiß Kategorien zu antworten. Ganz oder gar nicht. Entweder überzeugt und rigoros eifernd - oder kämpferisch atheistisch und ablehnend. Entweder Radio Maryia oder Titanic.

Und wer weder mit dem einen noch mit dem anderen sympathisieren möchte, der kann sich heute trefflich hinter der Chiffre „Liberalität“ verstecken - und damit verschleiern, was vielleicht doch besser ganz banal Gleichgültigkeit genannt werden kann.

III.
Meine Damen und Herren,
Doch nehmen wir die Frage einmal ernst: Was bedeutet Religion für Europa? Oder: Was bedeutet sie noch? Und was bedeutet sie nicht mehr?

Denn das ist offensichtlich: Wenn wir über ein europäisches Werte-Regime reden - und diesen Begriff im politikwissenschaftlichen Sinne verwenden - dann wird dieses Regime schon lange nicht mehr von der Religion, von „der Kirche“ bestimmt. Die „Kulturelle Hegemonie“ wird schon lange nicht mehr von Rom ausgeübt. Und die politische Prägekraft des Protestantismus steht auch nicht mehr in größter Blüte.

Wer sich dann noch mit den Zahlen beschäftigt, wird reichlich Material finden, das den Bedeutungsverlust der Kirchen unterfüttert.

Der Bonner Publizist Andreas Püttmann beispielsweise hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem er sich diesem Phänomen ausführlich widmet. „Gesellschaft ohne Gott“ hat er dieses Buch getitelt. Und darin spricht er von einer „massiven Erosion“, von einer „Verdunstung des Glaubens“ und von „getauften Heiden“.

Wenn man die Fakten sieht, die Püttmann präsentiert, bekommt man eine recht konkrete Vorstellung davon, wie es um die Religion in unserem Land bestellt ist: Seit 1970 seien fast 3,8 Mio. katholische und 6,6 Mio. evangelische Christen aus der Kirche ausgetreten. Laut einer repräsentativen Umfrage erklären nur noch 10% aller Deutschen, „gläubiges Mitglied der Kirche zu sein“ und sich ihr „eng verbunden zu fühlen“. Und Weihnachten werde von der Mehrheit der Bevölkerung, nämlich 54%, nicht mehr als religiöses Fest verstanden, sondern als „Brauchtum“.

IV.
Meine Damen und Herren,
An Fakten wie diesen kommen wir nicht vorbei. Ich bin allerdings überzeugt: Dessen ungeachtet lohnt es sich, über die Bedeutung der Religion für Europa nachzudenken. Ich sage Ihnen sicherlich nichts Neues, gerade wenn Polen im Raum sind, wenn ich auf die Rolle der Kirche, wenn ich auf die herausragende Rolle von Papst Johannes Paul II. bei den politischen Umbrüchen in Mittelosteuropa Ende der 80er Jahre hinweise.

Der Erfolg der polnischen Solidarnosc-Bewegung wäre ohne den mutigen Einsatz des Papstes, wäre ohne das Engagement der Kirche undenkbar gewesen. Und wir wissen, dass einzelne dieses Engagement auch mit dem Leben bezahlt haben.

Die Montagsdemonstrationen und die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche hätten ohne das Engagement der Pfarrer Christoph Wonneberger und Christian Führer wohl nicht stattgefunden. Und manche grundlegenden Umwälzungen in unserem Land wären dann wohl auch ausgeblieben.

V.
Meine Damen und Herren,
Sie müssen keine Sorge haben. Sie bekommen jetzt keine Vorlesung in Geschichte. Aber eine kleine Geschichte möchte ich doch erzählen. Eine deutsch-polnische Geschichte. Der Schauplatz ist Görlitz. Eine kleine Stadt am äußersten Rand Sachsens. Einige von ihnen kennen diese Stadt vielleicht, weil sie sich seinerzeit gemeinsam mit dem Ruhrgebiet um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ beworben hat.

Nun: Görlitz war nach 1945 eine geteilte Stadt. Die Gebiete westlich der Neiße waren der sowjetischen Besatzungsmacht unterstellt worden. Und der östliche Teil, Zgorzelec gehörte zu Polen. Die alten Pfarr- und Bistumsgrenzen aber blieben bestehen.

Im Ergebnis hieß das: Hier gehörten Menschen zur selben Kirchengemeinde, konnten aber nicht gemeinsam Gottesdienst feiern.

Als der spätere Bischof Bernhard Huhn 1972 zum apostolischen Administrator von Görlitz ernannt worden war, setzte er ein nicht für möglich gehaltenes Zeichen: Er wechselte die Neiße-Seite, besuchte die Johanneskirche in Zgorzelec und weihte dort ein Kirchenfenster ein, dass dem in Auschwitz ermordeten Pater Maximilian Kolbe gewidmet war. Und noch im gleichen Jahr nahm er - auch das ein damals ungeheuerlicher Vorgang - an einer Fronleichnams-Prozession auf polnischer Seite teil.

Die Geschichte geht aber noch weiter. 1991 nämlich, kurz nach der Wende, war das Klima zwar schon sichtlich entspannter. Aber grenzüberschreitende Kontakte waren noch alles andere als selbstverständlich. Die Neiße war damals schließlich noch EUAußengrenze. Nun wollten aber rund 2.000 deutsche und 15.000 polnische Gläubige bei der Fronleichnams-Prozession einen gemeinsamen Gottesdienst feiern - und zwar auf der Görlitzer Stadtbrücke. Und wissen Sie, wie das damals endete: Ein Geistlicher fuhr mit einem Kleinlaster auf die Brücke, blieb dort stehen, parkte den Laster quer, öffnete die Verladetüren – und machte den Blick frei auf einen auf der Ladefläche stehenden Altar. Noch einige Teppiche ausgerollt - und der damalige Erzbischof von Breslau konnte gemeinsam mit deutschen und polnischen Gläubigen eine Messe feiern.

VI.
Meine Damen und Herren,
Für mich ist diese kleine Anekdote bezeichnend. Denn wenn wir eines aus der Geschichte lernen können, dann doch wohl, dass es Ideen und Werte gibt, Haltungen und Überzeugungen, die sich von Grenzen und politischen Vorgaben nicht begrenzen, nicht einengen lassen. Und es ist wichtig, um solche Haltungen und Überzeugungen zu wissen. Denn ohne dieses Wissen lassen sich manche aktuellen Auseinandersetzungen in Europa nicht verstehen.

Denken wir nur an die Diskussion über den Gottesbezug in der EU-Verfassung. Warum diese Debatte so heftig, ja: erbittert geführt worden ist - das lässt sich eben nur begreifen, wenn man weiß, wie sich Haltungen und Überzeugungen in den Ländern unseres Kontinents auf vielfache, teilweise aber auch recht gegensätzliche Weise entwickelt haben.

Nehmen Sie da nur die beiden Antipoden dieser Debatte: Polen und Frankreich. In Polen, auch das muss ich Ihnen nicht erzählen, gibt es eine ausgeprägte Volksfrömmigkeit, einen weitverbreiteten tiefen Glauben. Religion - der Katholizismus - spielt eine herausragende Rolle. Und einer der Gründe dafür ist, dass der Katholizismus hier in den vergangenen mehr als zweihundert Jahren immer wieder gleichsam die Nation zusammenhielt. Denn spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts ist die Geschichte Polens im Wesentlichen eine Geschichte der Unfreiheit. Der Unterdrückung für das Land. Und der Teilung. Während in den anderen Ländern Europas „geglaubte Gemeinsamkeiten“ unter dem Dach der jeweiligen Nation zusammenkamen, Freiheit und Selbstbestimmung verwirklichen konnten, musste die polnische Identität gewissermaßen im Katholizismus überwintern.

Das muss man wissen, wenn man verstehen will, warum Polen sich so leidenschaftlich für einen Gottesbezug in der EU-Verfassung eingesetzt hat: Auf den Gottesbezug zu verzichten war und ist für Polen gleichbedeutend damit, polnische Identität ein weiteres Mal von der politischen Landkarte zu nehmen. Oder anders ausgedrückt: Wer Gott nicht in der Verfassung will, der will Polen nicht in Europa!

Ganz anders hingegen die Situation in Frankreich. Wenn in Polen Nationalbewusstsein und Volksfrömmigkeit symbiotisch verwoben sind - dann zweifeln in Frankreich selbst überzeugte Christen nicht daran, dass die Grande Nation nur als emanzipiert von Kirche, als laizistisches Konstrukt, zu denken ist. Interessant daran ist, dass auch Frankreich stets von Religion und Kirche geprägt war. In Frankreich hatte der Heilige Stuhl für mehr als 100 Jahre seinen Sitz. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts legten die französischen Könige besonderen Wert darauf, im Einvernehmen mit Rom den Titel roi très chrétien zu tragen. Und noch heute ist fast jeder zweite Franzose katholisch, zumindest auf dem Papier.

In Frankreich entluden sich aber auch die Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken und zwischen Kirche und Revolution auf besonders brutale Weise: In der Pariser Bluthochzeit wurden die französischen Protestanten niedergemetzelt und der Papst goutierte das mit einem Te Deum sowie einer eigenen Gedenkmünze. Etwas mehr als zweihundert Jahre später waren es dann die Katholiken, die Opfer der Revolutionstruppen wurden. In der Vendée waren einige Dörfer und Städte nach den Massakern um mehr als ein Drittel der Bevölkerung beraubt. Wirklich zur Ruhe kam das Land erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts - mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat 1905.

Wer sich das vor Augen führt, wer vergegenwärtigt, wie verheerend und zerstörerisch die Mesalliance von Kirche und Staat für Frankreich war - der versteht, warum die Franzosen den Laizismus so vehement verteidigen. Und der wird auch verstehen, dass dieser Laizismus nicht zwingend etwas mit Antiklerikalismus zu tun hat.

VII.
Meine Damen und Herren,
Ich habe jetzt über unsere Nachbarn zur Rechten und zur Linken gesprochen. Deutschland liegt dabei nicht nur geographisch mittendrin. Denn Deutschland hat eine starke Tradition, die Staat und Kirche zu trennen weiß. Wir haben aber andererseits auch weitgehend unbestritten Bereiche, die die Verfassungsrechtler als „res mixtae“ bezeichnen - als jene Sachen, die Staat und Kirche gemeinsam regeln. Gewiss: Deutschland hat ebenfalls eine Geschichte der Religionsfehden. Diese Geschichte ist wahrscheinlich nicht minder blutig als in Frankreich. Aber wir haben eben auch sehr früh einen Augsburger Religionsfrieden, 1555, und später dann einen Westfälischen Frieden, 1648, gehabt.

Aber meine Damen und Herren,
Ich will es nicht unnötig verkomplizieren. Aber ich habe bislang recht unterschiedslos von Kirche und Religion gesprochen. Das ist natürlich problematisch. Denn so wichtig der gelebte Glaube in Polen sein mag - die Kirche als Institution hat auch dort schon lange nicht mehr die Autorität, die sie einmal war. Und so kämpferisch laizistisch uns die Franzosen manchmal erscheinen: Viele sind ja trotzdem religiös. Die Kirche spielt auch in Frankreich immer noch eine wichtige, auch politische Rolle.

Haltungen und Werte-Traditionen trotzen den Stürmen der Zeit. Sie bleiben. Vielfach losgelöst von der jeweiligen Staatsform, den jeweiligen Machthabern und in jedem Fall losgelöst von den jeweiligen Moden. Europa in all seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit belegt das Tag für Tag: Mit einem Polen, in dem eine Jahrzehnte währende sozialistische Diktatur die tiefe Volksfrömmigkeit der Bevölkerung nicht hat beseitigen können.

Mit einem Frankreich, dass eine stark laizistische, mitunter durchaus antiklerikale Prägung hat - und das eben beinahe zwei Jahrhunderte brauchte, ehe es zu einem respektvollen, aber vor allem: friedlichen Miteinander kommen konnte.

VIII.
Meine Damen und Herren,
Ich möchte nicht verhehlen. Angesichts dieser Vielfalt der Traditionen bin ich manchmal etwas irritiert, wie schwer wir uns da mit dem Islam tun. Dass wir als fremd bezeichnen, was wir in der einen oder anderen Form doch auch in der eigenen Geschichte haben beobachten können. Nehmen wir da nur einmal die Türkei. Das damalige Osmanische Reich wurde von Kemal Atatürk einer radikalen Modernisierung von oben unterzogen.

Nach eigenem Verfassungsverständnis ist die Türkei heute ein säkularer Staat. Fremd ist uns aber dort, dass Religion bis heute von einer staatlichen Behörde beaufsichtigt wird. Und es schmerzt, dass sich Nationalstolz und Religionszugehörigkeit zu einer Legierung verschmolzen haben, die nicht selten zur Diskriminierung von Christen führt. Wir werden da möglicherweise auch in der Diskussion noch darauf zurückkommen.

Irritiert bin ich jedoch, wenn wir unsere Probleme mit dieser Art des Miteinanders von Staat und Religion als typisch für den Islam ausmachen. Irritiert bin ich, wenn wir im Islam dann gleich eine Bedrohung für Europa sehen. Und wenn wir dann eine Debatte darüber führen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht.

Ich empfinde diese Debatte bis heute als unanständig. Denn da wird ja nur vordergründig darüber diskutiert, ob der Islam zu Deutschland und Europa gehört. Vielen geht es doch eigentlich nicht um den Islam - sondern um die Muslime. Sie sagen: „Der Islam gehört nicht zu Europa.“ Aber sie meinen: „Wir wollen hier keine Muslime.“ Im Klartext heißt das aber nichts anderes als: Da kommen fremdenfeindliche Wölfe im kulturgeschichtlichen Schafspelz daher!

Ich bin überzeugt: Wir tun gut daran, diese Debatte über den Islam in Europa etwas weniger aufgeregt zu führen. Wir tun gut daran, den Islam nicht als etwas uns völlig Fremdes zu begreifen. Als etwas, das mit unserer Kultur nichts zu tun hat. Denn die Fakten sprechen dagegen.

Ohne den Islam hätten wir von Aristoteles nie etwas erfahren. Ohne die arabischen Zahlen wäre die moderne Mathematik undenkbar. Ohne die von Muslimen gewonnenen Erkenntnisse in Medizin wären Unzählige an der Quacksalberei der mittelalterlichen Bader gestorben. Und ohne das in islamisch geprägten Ländern erworbene Wissen um Astronomie und Technik hätte das Licht der Aufklärung die Finsternis des europäischen Mittelalters wohl nie erleuchten können.

Kurzum: Kulturen lassen sich nicht fein säuberlich voneinander trennen. Und Religionen auch nicht. Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede gäbe. Aber es heißt sehr wohl, dass es immer auch Gemeinsamkeiten gibt. Und ich persönlich schaue immer lieber auf das Verbindende als auf das Trennende.

IX.
Meine Damen und Herren,
Denn so unterschiedlich die Verhältnisse von Staat und Kirche, von Religion und Gesellschaft in den Ländern Europas auch sein mögen. So differenziert und kritisch man auch auf das Christentum im Besonderen oder die Religion im Allgemeinen blickt - das wenigstens muss man akzeptieren: Dass Menschen sich nach Frieden sehnen. Und dass diese Sehnsucht offenbar stärker ist als das zweifellos ebenfalls vorhandene Bedürfnis nach Streit und Auseinandersetzung.

Das wenigstens muss man akzeptieren: Dass Menschen ein solidarisches Miteinander wollen. Und dass Menschen verachtende, Menschen vernichtende Ideologien keinen Bestand haben. Denn Solidarität ist uns Menschen zutiefst eingeschrieben. Die Fundamente menschlichen Zusammenlebens bestehen aus universalen Überzeugungen. Und es muss scheitern, wer das leugnet.

Das wenigstens muss man akzeptieren: Dass alle Freiheit dem Grunde nach in der Bewahrung einer inneren Sphäre besteht, die von der Staatsmacht ausgenommen ist. Diese innere Sphäre mag Religion genannt werden. Oder Gewissen. Aber die Ehrehrbietung vor dieser Sphäre ist der Kern aller bürgerlichen Freiheit, ist der Kern einer freiheitlich-demokratischen europäischen Gesellschaft.

X.
Meine Damen und Herren,
Lassen Sie mich noch einmal auf die Diskussion über einen Gottesbezug in der EUVerfassung zurückkommen. Mich hat beeindruckt, wie sich der Münchener Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, hier Anfang Februar positioniert hat. Marx hatte ja über viele Jahre hinweg leidenschaftlich für einen solchen Gottesbezug gestritten. Nicht nur deshalb würde man erwarten, dass er jetzt heftige Kritik an dem Ergebnis übt.

Kardinal Marx hat das Augenmerk aber auf etwas gänzlich anderes gelegt. Ihm ging es nicht um ein Glaubensbekenntnis, das er in den Verfassungen sehen möchte. Er sagte vielmehr:
„Wir sind nicht Gott. Diese Formel hätte mir gereicht.“

Mit anderen Worten: Der Mensch kann nicht alles. Und nicht alles, was er kann, darf er.

Meine Damen und Herren,
Meines Erachtens ist das der Kern der Frage, welche Bedeutung die Religion für Europa hat. Denn das sind doch die grundsätzlichen Probleme, die wir haben: Dass es Wissenschaftler, Finanzjongleure, Unternehmer und - wie wir in den vergangenen Wochen lernen mussten - auch höchste Repräsentanten des Staates gibt, die überzeugt sind, dass ihnen alles möglich, alles erlaubt ist. Dass sie über Recht und Gesetz stehen. Dass sie alles dürfen, was nicht verboten ist - und dass Verbote eben umgangenen werden können, wenn man es denn nur geschickt genug anfängt. Und wenn man sich nicht erwischen lässt. Und die damit auf die Dauer aber doch nicht durchkommen. Denn es gibt Werte, derer wir uns alle bewusst sind: Werte des Anstands, Werte der Moral, Werte, die uns fühlen lassen, was richtig und falsch ist.

XI.
Meine Damen und Herren,
Europa ist eine Idee, die in ihren Anfängen beseelt war vom Wunsch nach Frieden, Freiheit und Solidarität. Diese Idee aber wird bedroht von einer Vorstellung, die in Europa nur ein kaltes Marktkonstrukt sieht. Nicht wenige scheinen sich damit abgefunden zu haben.

Nun mag es etwas merkwürdig klingen, rhetorische Anleihen bei Richard Wagner zu machen. Aber für mich ist eine Szene aus dem „Ring der Nibelungen“ von höchster Aktualität. Es ist eine Szene im ersten Teil dieses Zyklus, im „Rheingold“. Der Riese Fasolt schleudert da dem Göttervater Wotan entgegen: „Was Du bist, bist Du nur durch Verträge.“

Und weil es genau so ist, wie Fasolt sagt, und weil Wotan das nicht wahrhaben will, beginnt kurz darauf die Götterdämmerung, der Niedergang der Weltenherrscher.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil Verträge wichtig sind. Aber weil Verträge allein für ein Miteinander nicht ausreichen. Es braucht auch den Willen, sich mit dem Vertrag selbst zu binden. Es braucht des Wissens um die eigene Pflicht. Oder wenn Sie es weniger altmodisch haben wollen: Es braucht die Hinwendung zum Andern. Es braucht ein echtes Interesse an den Menschen, mit denen wir leben.

Wenn wir Europa aber nur mit Verträgen, mit Rettungsschirmen und Krisenfonds gestalten wollen, dann wird es scheitern. Wenn es uns an Respekt vor unseren Partnern fehlt, wenn es politisch schick ist, sich über Griechen und Italiener lustig zu machen, dann kann Europa nicht gelingen.

XII.
Meine Damen und Herren,
Ich komme zum Schluss. Es ist schon eine ganze Weile her, aber ich erinnere mich noch daran, wie ich einmal einen alten Webstuhl erklärt bekommen habe: Dass der Faden auf das Schiffchen gezogen und dieses Schiffchen dann durch die Kettfäden geschossen wurde.

Für mich ist das ein wunderbares Bild für die Bedeutung von Religion für Europa. Welchen Wert sie haben kann und haben muss. Denn sicher mögen wir alle mit unterschiedlichen Garnen ganz unterschiedliche Muster und Motive weben. Aber ohne Kettfäden wird keines dieser Muster und Motive Bestand haben. Die Kettfäden erst halten den gewebten Stoff zusammen.

Und mit Europa ist es nicht anders. Ohne Kettfäden bleibt unser Tun nicht. Ohne Kettfäden trägt es nicht. Diese Kettfäden mögen dabei durchaus unterschiedlich sein. Und jedes Land, jede Zeit wird da das Augenmerk auf je und je andere Kettfäden legen wollen und legen müssen: Die Aufklärung ist da sicherlich zu nennen. Oder der Humanismus. Die Ideen von Freiheit und Frieden, Gleichheit und Solidarität gehören gewiss dazu. Und eben auch die Religion.

Die aus diesen Entscheidungen entstehenden Muster, die Vielfalt und Lebendigkeit als Chance zu begreifen, die Kettfäden zu schätzen und zu pflegen - darin liegt die
Zukunft Europas.

Und Sie, meine Damen und Herren, wenn ich Sie als junge Menschen vor mir sehe, sie sind diejenigen, die für diese europäische Zukunft stehen. Und deswegen möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken für Ihr Engagement in dieser Tagung, Ihnen meine große Anerkennung aussprechen, dass Sie sich die Zeit nehmen, die innere Bereitschaft, sich mit komplexen und nicht immer einfachen Themen unserer gemeinsamen europäischen Zukunft auseinander zu setzen. Mit dem Ziel sich gegenseitig besser zu verstehen und aus diesem Verstehen heraus diese gemeinsame Zukunft zu gestalten. Herzlichen Dank!

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